Was ist Liebe?

Liebe hat viele verschiedene Gesichter. Allein die Liebe zwischen Mann und Frau ist ein endloses Labyrinth von Masken und Mustern, die den Weg zum Kernstück der Liebe erschweren oder unmöglich machen.

Wieso ist es so schwierig zu lieben? Liebe ist doch das Schönste und Stärkste auf dieser Erde. Man sagt doch: "von Luft und Liebe leben". Was man oft ausser acht lässt - die Liebe ist mehr als ein Gefühl. Dieses starke, unergründlich tiefe Gefühl aus unseren Herzen und unseren Seelen macht Schmetterlinge im Bauch, lässt Hochgefühle des Glücks entstehen - man möchte für immer im Augenblick eines Moments des vollkommenen Glücks verweilen.

Bekanntlich hat aber alles auf dieser Welt zwei Seiten. So auch die Liebe. Warum denken wir: Liebe muss schön und leicht sein und schliessen die tiefe und evtl. schmerzhafte Seite aus? Es wäre genauso, als wünsche man sich die Sonne ohne den Schatten. Aber trocknet immer nur Sonne nicht aus? Ist es nicht lebenswichtig, auch den Schatten zu geniessen?

Genuss - vielleicht ist das der Schlüssel. Liebe soll Genuss sein. Liebe verliert ganz schnell ihren Reiz, wenn man erkennt, dass diese nicht nur aus "Genuss" besteht. Wenn man ihre Art be- trachtet fällt auf, dass ihr Wesen aus mehr als nur Genuss besteht. Liebe trägt uns. Treibt uns an. Gibt uns Kraft, übermenschliches zu durchstehen. Für andere. Wieso nicht für uns selbst? Wie kann ich lieben, wenn ich mich selbst nicht kenne und liebe?

 

Diese Fragen treten "hoffentlich" in jeder Beziehung früher oder später auf. Denn dazu dient die Liebe. Sie bietet uns die Möglichkeit zu sehen. Durch sie können wir im anderen uns selbst erkennen. Ein Stück weit zumindest. Damit meine ich nicht die weitläufige Meinung: alles was dich am anderen stört, ist nur ein Teil von dir den du nicht ansehen willst.

Vielmehr ist auch das nicht schwarz/weiss zu betrachten. Sicher gibt es Teile von uns, die wir im anderen erkennen, aber es ist ebenso anders herum. Es können auch ungelöste Themen in uns selbst, deren wir uns nicht bewusst sind, immer wieder durch Situationen, Aussprachen oder Gesten angefacht werden.

Durch die Liebe entsteht zwischen Menschen eine Art Spiegelung der Tiefen in uns, die wir ohne die Liebe nicht sehen können. Dies lässt sich natürlich auch auf Situationen und Geschehnisse im täglichen Leben übertragen. Dazu ein anderes Mal.

Spiegelung der Tiefen, die wir nicht sehen wollen oder können. Hier kann der unangenehme Bereich entstehen. Existenzielle Gefühle wie die Angst vor dem Verlassen werden, nicht verstanden oder gesehen werden, Wut, Aggression, Verletzung. Auch das gehört zur Liebe. Je eher man sich diese Gesetzmässigkeit bewusst macht und versucht, das Wissen darum ins Leben zu integrieren, umso leichter fällt das Lieben. Es ist nun einmal so - alle Gefühle wollen gelebt werden.

Die Information - Liebe erreicht unsere tiefsten Tiefen und holt sie nach oben - mag nicht neu sein. Wie ist es jedoch mit der Praxis? Wie schwer fällt es uns doch, uns selbst anzunehmen, geschweige denn, zu lieben. Auf einmal hat man ein Gegenüber, das als Spiegel fungiert. Und je mehr man versucht dieser Spiegelung auszuweichen, umso "schärfer" und klarer wird die Spiegelung. Aus Liebe!

 

Man stellt also fest - Liebe lässt sich nicht in Liebe zwischen Mann und Frau einteilen, nicht in Mars und Venus. Liebe ist etwas Übergeordnetes. Eine Kraft die uns hilft, zu uns selbst zu kommen. Da ist es zweitrangig, ob die Liebe zwischen Mann und Frau gemeint ist oder nicht. Nach der ersten "Verliebtheit" findet man sich immer in der übergeordneten Gesetzmässigkeit wieder. Wer bin ich? Selbstverantwortung, Selbstbewusstsein, Selbstliebe - alles Worte, die sehr viel bewirken, wenn man sich an ihre Umsetzung macht. Das A und O einer jeden Beziehung die von Liebe getragen ist - ob zwischen Mann und Frau, Eltern und Kindern, zu Tieren, innerhalb der Gesellschaft oder zur Natur.

Wie würde es auf unserer Welt aussehen, wenn jeder ihrer Bewohner die Selbstliebe - im Sinne der Bewusstwerdung der eigenen Licht- und Schattenseite, sowie deren eigenver-antwortliche Integration ins Leben - vollziehen würde? Wir müssten uns nicht mehr mit misshandelten Kindern, Kriegen usw. beschäftigen, weil diese nicht mehr existent wären.

Was hält uns ab, "Liebe" zu praktizieren? Angst - Angst vor unseren Schattenseiten, vor dem, was wir fähig wären zu tun. Angst vor dem "was kommt, was ist, wenn ich loslasse und meine andere Seite ansehe?". Was kann passieren? Es wird passieren, dass man nicht mehr sagen kann: das habe ich nicht gewusst. Verantwortung tragen für sich und seine Taten, heraus aus einem stets wachsenden Bewusstsein.

Aus diesem Bewusstsein erwächst eine stets grössere Freiheit - Entscheidungen zu treffen, weil man weiss wer man ist und was man will. Nicht gesteuert von Angst und Mustern, weil man ja irgend jemandem entsprechen muss und dabei ganz sich selbst vergisst.

Also, wieso Angst haben? Angst verlangsamt oder verhindert den Prozess der Liebe. Die Kraft der Liebe begleitet uns auf unserem Weg der Bewusstwerdung und Selbstliebe / -verantwortung. Wir müssen nur die Kraft in uns finden, uns der Angst zu stellen und uns in Liebe annehmen. Das kann uns niemand abnehmen.

Angst ist ein riesiger Antriebsmotor. Wie viele Dinge geschehen aus Angst? Wie viele Kriege werden aus Angst geführt? Wie viele Träume realisiert man nicht, aus Angst, man könnte scheitern? Wir Menschen werden geprägt, vieles aus der Sicht der Angst zu sehen. Daraus resultiert die Negativspirale nach unten.

Wie wäre es, die Dinge aus der Liebe, der Selbstliebe und -verantwortung heraus zu betrachten? Dann darf man auf einmal wieder neugierig wie ein Kind sein, kreativ, sich auf das Abenteuer "ich" einlassen. Und wenn etwas schief geht? Was soll's. Wird man nicht mit jeder Erfahrung reicher? Reicher um Erfahrungswerte, reicher um eine Facette seines selbst?

Die Entscheidung liegt bei jedem einzelnen, was er aus der Liebe macht. Die Verantwortung liegt bei uns. Nicht bei der Liebe.